Wir sind alle imperfekt

Die Perfektionistin in uns als Antreiberin

Kennen Sie die auch? Diese Stimme im Kopf, die Sie antreibt? Ich nenen sie die Innere Perfektionistin. Sie sagt Sätze wie: “Das war jetzt nicht genug!” “Du musst mehr schaffen!” “Das reicht auf keinen Fall!” oder “Du bist nicht schön genug, nicht klug genug, nicht mal befriedigend ist das, was Du machst!” und “Was werden jetzt die anderen über dich denken?”

Als würde Sie hinter Ihnen stehen, mit einer Gerte in der Hand, oder schlimmer noch – mit einer Peitsche in der Hand – und Sie antreiben.

Sie treibt Sie an und lässt Sie denken: “Mist. Sie hat Recht, diese Stimme. Ich muss mehr machen. Mehr arbeiten. Mehr für andere tun. Noch mehr schneller besser weiter … wasweißich tun!”

Und Sie lassen sich antreiben von dieser Stimme. Zu immer neuen Leistungen. Zu immer neuen Aktivitäten. Zu Dingen, die Ihnen vielleicht überhaupt keine Freude machen, aber von denen Sie glauben, Sie müssen diese Dinge tun. Vielleicht weil Sie denken, das gehört zu ihren Aufgaben. Oder Sie müssten jemandem etwas beweisen. Vielleicht auch sich selbst etwas beweisen. “Auch das schaff’ ich noch!” Und irgendwann sind Sie vielleicht deshalb am Ende Ihrer Kräfte.

Und vielleicht fragen Sie sich hin und wieder: “Wo kommt das bloß her? Warum quält mich diese Stimme so?”

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Ich beschäftige mich seit einigen Jahre mit dieser Stimme, die nicht nur mich zu begleiten scheint (zum Beispiel wenn ich solche Texte wie diesen hier verfasse – Sie ahnen nicht, wie rege sich die Perfektionistin in mir während dieses Schreibprozesses in meinem Kopf zu Wort meldet)  – doch erst heute morgen fiel mir auf, dass es da eine Verbindung gibt, eine etymologische Verbindung, also auf gut Deutsch: eine Wortwurzelverbindung, und zwar mit dem Wort ‘imperfekt’. Denn das Wort Imperfekt bedeutet (lt. Duden) ja nichts anderes als  unvollkommen oder unvollendet.

Die Entdeckung dieses Zusammenhangs  – Perfektionismus und Imperfekt – war natürlich ein gefundenes Fressen für mich. Bin ich (ja, ich bin Psychotherapeutin!) doch davon überzeugt, dass Unabgeschlossenes aus der Vergangenheit unser Sein und Denken in der Gegenwart maßgeblich beeinflusst. Und zwar negativ beeinflusst.

Der Zusammenhang zwischen Perfektionismus und dem Imperfekt

Imperfekt, so lernen wir es in der Schule, ist die Mitvergangenheit. Jene Form der Vergangenheit, die die unvollendete genannt wird. Das wiederum finde ich interessant, im Zusammenhang mit Perfektionismus, dem Zwang perfekt zu sein.

Denn was uns Menschen belastet, und weshalb Menschen Psychotherapie oder Beratung aufsuchen, sind nach meiner Erfahrung die unvollendeten, die unfertigen Dinge aus der Vergangenheit. Und vor allem sind es alte Verletzungen, die nicht heilen konnten. Blaue Flecken auf der Seele, so nenne ich das. Oder Schlimmeres: Alte Wunden, die immer wieder aufreißen. Schmerzen, die manchmal nicht nur im seelischen Bereich, sondern auch körperlich spürbar sind.

An zwanghaftem Wunsch, alles perfekt zu machen, leiden nach meiner Wahrnehmung vornehmlich jene, die in ihrer Kindheit oft Sätze gehört haben, die sie wohl antreiben sollten: “Du kannst das aber besser!” “Das war noch nicht gut genug!” und seltsamerweise auch Sätze, die die Idee schürten, andere Menschen würden dauernd kritisieren, was “bei ihnen daheim” passiert: “Was sollen die Nachbarn denken?” (Die negative Wirkung dieses Satzes führe ich darauf zurück, dass es zu einem Urbedürfnis des Menschen gehört, “dazu zu gehören”. Der Wunsch nach Verbindung und Zugehörigkeit ist elementar. Die Drohung, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, wirkt nachhaltig und schwer. Dazu ein andermal mehr.)

Sätze wie diese – aber auch permanentes Nichtbeachtet-Werden der Anstrengungen führen nach meiner Wahrnehmung zu echten blauen Flecken auf der Seele, hin und wieder auch zu schlimmeren Wunden.

Diese blauen Flecken auf dem Seelenkleid und die unsichtbaren Wunden können heilen – doch dazu ist ein Gegenüber wichtig, eine andere Person, die zuhört, aufmerksam und freundlich. Und die erkennt, welche Schmerzen die blauen Flecken und die Wunden hervorriefen und immer noch hervorrufen. Und die Ihnen hilft, die Zusammenhänge selbst auch besserzu erkennen, anzuerkennen und alte Wunden zu versorgen.

Und es scheint auch darum zu gehen, das Imperfekte an anderen Menschen (allen voran den Eltern) und an uns selbst und unserem Leben zu begreifen und zu akzeptieren: Wir alle sind doch imperfekt. Und daran ist nichts falsch. Imperfekt zu sein ist menschlich.

Sie wünschen sich, perfekt zu sein?

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Schminken Sie sich das schleunigst ab!

Zumindest in dieser allumfassenden Form habe ich es mir abgeschminkt. Ich habe gelernt, es ist besser, gesünder und macht mich froher, wenn ich mir sage: Es gibt Dinge, die kann ich gut – und da investiere ich Zeit und Arbeit, um sie noch besser – vielleicht sogar nahezu perfekt zu machen. Aber ich als Person, so als ganzes Wesen, ich kann nicht perfekt sein. Oder anders gesagt: Ich bin perfekt, so wie ich bin. Genauso wie ich bin hat die Natur (oder wer immer dafür verantwortlich war) mich in die Welt gesetzt. Da muss ich nicht noch an mir herum basteln und dabei verzweifeln.

Aber: Der Wunsch, Dinge die mir wichtig sind, perfekt – also rund und richtig zu machen, der Wunsch, Dinge abzuschließen, also zu vollenden – gegen diesen Wunsch habe ich überhaupt nichts einzuwenden.

Perfekt sein und handeln zu wollen, treibt uns auch zu Höchstleistungen, die tiefe Befriedigung und Freude hervorrufen. Etwas perfekt machen zu wollen, bedeutet, es zu vollenden und etwas wirklich rund zu erschaffen. Der Wunsch nach Perfektion lässt Kunst erblühen, uns wunderbare Abenteuer erleben und uns andere Dinge tun, die wir genießen können.

Perfektionismus jedoch – die übertriebene Form dieses Wunsches – kann gefährlich oder zumindest unnötig Kräfte raubend sein. Perfektionismus treibt uns auch zu Höchstleistungen, aber oft auch darüber hinaus und hinein in Erschöpfung. Deshalb ist es wertvoll, sich damit auseinander zu setzen.

Der Wunsch nach Perfektion ist für sich genommen nichts Schlechtes. Wir dürfen ihm nur nicht erlauben, zum Perfektionismus zu werden, der uns tyrannisiert und uns das Leben nur schwer macht.

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